Geschäfte mit Geschichte – Waren aller Art in Wien

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DAS PROJEKT

Geschäfte prägen nicht nur durch ihr äußeres Erscheinungsbild die Identität einer Stadt, sondern sind nach wie vor unverzichtbare Einrichtungen der Nahversorgung, aber auch Orte der Begegnung und Kommunikation. Der Verlust eines derartigen Betriebes ist daher immer auch ein Eingriff in das gesellschaftliche Gefüge der Stadt, dessen Folgen und Auswirkungen entweder sehr unmittelbar, oder auch erst längerfristig erfahrbar sein können.

Seit mehreren Jahren müssen wir das Verschwinden, die Verwandlung oder Umwidmung von Wiener Traditionsgeschäften und deren Portalen feststellen. 2009 begannen wir daher mit unserem Projekt „Geschäfte mit Geschichte – Waren aller Art in Wien“ in Form eines work in progress noch bestehende Geschäfte fotografisch kontinuierlich festzuhalten. In einem weiteren Schritt kam 2018 die vergleichende fotografische Studie SPURENSUCHE zu stattgefundenen Veränderungen hinzu.

In Wien hat die Portalarchitektur eine lange und eindrückliche Tradition: Adolf Loos, Otto Wagner oder Josef Hoffmann für die frühere, Hans Hollein, Hermann Czech oder Coop-Himmelblau für die spätere, seien hier nur exemplarisch erwähnt. Deren Arbeiten wurden bereits ausgiebig diskutiert, gewürdigt und dokumentiert. Unser Interesse liegt nicht so sehr bei jenen Klassikern der Portalgestaltung, vielmehr wollen wir vor allem die alltäglichen Portale von traditionellen Geschäften des Einzelhandels und von kleinen Gewerbe- und Dienstleistungsbetrieben festhalten. Sie finden sich in allen Bezirken Wiens, in unterschiedlichsten Lagen und heben sich oftmals von den Portalen der wechselnden Geschäfte der Umgebung ab. Sie sind zumeist architektonisch eigensinnig und einmalig, oftmals aber nur von untergeordnetem historischen oder gestalterischen Interesse.

Ausgewählt werden die Geschäfte von uns aufgrund der individuellen Portalgestaltung, typografisch interessanter Beschriftungen, des Geschäftszweiges, der Auslagengestaltung oder des außergewöhnlichen Warenangebots. Mit der Fokussierung auf gleichförmige Bildausschnitte, von störenden Elementen der Umgebung möglichst befreit, wollen wir darüber hinaus einen seriellen Bildcharakter erzeugen, der den unterschiedlichsten Portalen die gleiche Präsenz einräumt.

Wir verstehen unsere Arbeit als Momentaufnahmen dieser rasch in Veränderung begriffenen urbanen Charakteristik. Über 500 Geschäfte haben wir mittlerweile fotografisch festgehalten, mehr als die Hälfte davon sind bereits hier auf unserer Online-Galerie zu sehen.

Stadtspaziergänge – Walks

Seit 2016 unternehmen wir Stadtspaziergänge zu diesem Thema. Auf Basis unserer Fotografien suchen wir Bezirke und Straßen aus, in denen ein interessanter Mix an unterschiedlichen Geschäften und Dienstleister zu finden ist. Von Interesse sind nicht nur deren Portale und Auslagen und die damit verbundene Präsentationsform der Waren, sondern auch die fotografisch dokumentierte Veränderung einzelner Geschäfte. Darüber hinaus statten wir einzelnen Geschäften einen Besuch ab, um von deren InhaberInnen mehr über die Geschichte der Geschäfte und deren Geschichten zu erfahren. Mit diesen Spaziergängen hat das fotografische Projekt für uns eine weitere Dimension erhalten. Wir und unser interessiertes Publikum bekommen in Form von „oral history“ einen Einblick in die Tradition bzw. das Handwerk der Geschäfte und Betriebe.

Im Rahmen des Jane‘s Walk Festivals und den vom Wien Museum organisierten Stadtexpeditionen haben wir bereits zahlreiche Stadtspaziergänge in folgenden Bezirken und Straßen durchgeführt: 1010, Wollzeile, 1040, Wiedner Hauptstraße und Schleifmühlgasse, 1070, Neubaugasse und Kirchengasse, 1080, Josefstädterstraße. Anläßlich der Vienna Art Book Fair 2019 haben wir einen Stadtspaziergang in 1030 Wien durch die Landstraßer Hauptstraße unternommen.

Buchreihe

Ebenfalls 2016 entschlossen wir uns, die Fotografien aus dem virtuellen Raum zu lösen und in Form einer Fotobuchreihe in kleiner Auflage von jeweils 150 Stück, handgebunden, nummeriert und signiert zu veröffentlichen.

Der Buchteil wird in Vierfarb-Offset gedruckt, der Schutzkarton und die Textseiten digital. Bei der Wahl der Druckerei war es uns wichtig, ein in Wien ansässiges und produzierendes Unternehmen zu finden.

Die Buchseiten werden sortiert und im gefalteten Endformat von der Druckerei geliefert und von uns händisch mittels Fadenbindung gebunden. Auf der Titelseite jedes Exemplars wird von uns eine Fotografie appliziert, in memoriam eines nicht mehr existierenden Geschäftes.

Jedes Exemplar wird in Schutzkarton und Cellophan verpackt, dabei soll die äußere Form mit dem Inhalt korrespondieren. Wir haben daher eine Verpackung aus Materialien entworfen, die an früher verwendete Warenverpackungen für Hemden oder Strümpfe erinnern soll.

Die Buchreihe ist im VLB gelistet und wird von uns im ausgewählten Buchhandel und online vertrieben. Band 1 – 3 sind bereits vergriffen. Band 4 wurde 2019 im Rahmen der Vienna Art Book Fair präsentiert, im Oktober 2021 erschien Band 5. Dieser wird von uns im März 2022 in Leipzig auf dem erstmals stattfindenden Leipzig Photobook Festival präsentiert.

Ausstellungen


Lia Wolf Cabinett, Wien: Spurensuche 2018

Im Herbst 2018 präsentierten wir in der Buchhandlung Lia Wolf Cabinett, Wien, unsere Ausstellung “Spurensuche 2018“, für die wir im Sommer 2018 erstmals aus unserer Sammlung Geschäfte ausgewählt haben, die zu diesem Zeitpunkt nicht mehr existierten. Wir haben deren Orte aufgesucht und konnten in den meisten Fällen den vorgefundenen Zustand fotografisch festhalten. Die Aufnahmen der alten Geschäfte wurden den neuen Gegebenheiten gegenübergestellt, zwischen den vergleichenden Aufnahmen lag ein Zeitraum von zwei bis sechs Jahren.
Lia Wolf Cabinett: SPURENSUCHE 2018


FOTO WIEN 2019

Zur FOTO WIEN 2019 präsentierten wir unseren dazugehörigen Fotoband “Spurensuche 2018 Geschäftsportale in Wien – Beobachtungen urbaner Veränderung“ mit den 22 vergleichenden Bildpaaren aus der gleichnamigen Ausstellung bei Lia Wolf Cabinett.


NÖ-Art, Niederösterreich: Was Fotografie kann

2019 wurden wir von der NÖ–ART mit unseren Fotografien „Spurensuche 2018″ zur Teilnahme an der Ausstellung „Was Fotografie kann“ eingeladen. Die Ausstellung, kuratiert von Herrmann Capor, fand an vier verschiedenen Orten in Niederösterreich statt: Schüttkasten Allentsteig, Haus der Kunst Baden, Konzerthaus Weinviertel (Ziersdorf) und Rathaus Gänserndorf.
NOE ART: Was Fotografie kann

Presse (Auswahl):


Jane’s Walk Vienna – 30. April 2019
Wer spaziert denn da? – Philipp Graf und Martin Frey von „2focus on – kunst.kultur.verein“
Jane’s Walk: Wer spaziert denn da?


Mein Bezirk – 15. April 2019
Wolfgang Unger:
Zeitreise von 1950 bis heute. Stadtexpedition durch Josefstadt
Mein Bezirk: Zeitreise von 1950 bis heute


KURIER – 6. Oktober 2018
Stefanie Rachbauer
Wiener Fotoprojekt: Die Einkaufsstraßen-Biografen
KURIER: Wiener Fotoprojekt: Die Einkaufsstraßen-Biografen


ORF – 23.September 2018
Geschäfte mit Geschichte vor der Linse
ORF: Geschäfte mit Geschichte vor der Linse


Kleine Zeitung – 20. September 2018
Fotoprojekt würdigt Wiens alte Geschäftsportale
Kleine Zeitung: Fotoprojekt würdigt Wiens alte Geschäftsportale

ÜBER UNS


Philipp Graf:

Interessiert sich für alte Strukturen und neue Architekturen in Wien und der Welt. Fotografiert seit Jahren mit Leidenschaft die Schriftzüge alter Geschäftsportale, sowie Stadtmobiliar zu unterschiedlichsten Themen in Wien.

2008 bis 2010 das erste Gemeinschaftsprojekt mit Martin Frey: Eine Fotodokumentation über den Wiener Südbahnhof, der 2010 abgerissen wurde, um dem neuen Hauptbahnhof Platz zu machen.

2019 erscheint zur Vienna Art Book Fair sein Fotobuch “Wiener Postbriefkästen” mit 42 Ansichten von Wiener Postbriefkästen. Es sind dies Fundstücke, die von ihm auf seinen Wegen durch Wien und beim Erkunden der Stadt entdeckt wurden.


Martin Frey:

Realisierung mehrerer fotodokumentarischer Projekte, unter anderem über Markierungen zu Luftschutzkellern in Wien (1992-2011) und über den Wiener Südbahnhof (2008-2010, gemeinsam mit Philipp Graf).

2011 entstehen die ersten Aufnahmen zu “Vienna Windows – Auslage in Arbeit” – ein Fotoblog in progress gemeinsam mit Hanna Schimek, über verlassene Geschäftsauslagen in Wien.

2009 startet er sein Langzeitprojekt “Döner macht schöner (with kebab you’ll need no make up)”, das sich mit den Veränderungen im Erscheinungsbild von Wiener (Einkaufs-)strassen auseinandersetzt.

“Die Billigesser” (2006-2008, gemeinsam mit Helmut Mörwald) wurde durch die gleichnamige Novelle von Thomas Bernhard inspiriert. Mit versteckter Kamera (einem Nokia 6230i Mobiltelefon) entstanden kurze Fotostories über öffentliche Kantinen in Wien und Berlin, die zum Teil nicht mehr existieren.


Links:

www.philippgraf.at
www.martinfrey.at
facebook.com/martinfrey.vienna
www.wien-südbahnhof-fotos.at
www.luftschutzkeller.at
vienna windows – auslage in arbeit @ tumblr
döner macht schöner @ flickr
die billigesser @ flickr